Als wir noch Kinder waren

Posted on März 9, 2018

Als wir noch Kinder waren

Hallo alter Freund!
Weißt du noch, vor 32 Jahren im Kindergarten, als ich an diesem großen Busch mit den roten Beeren stand und du mir von der Schaukel aus im Klugscheißerton zugerufen hast, dass du die an meiner Stelle nicht essen würdest, weil die Beeren Bauchschmerzen bereiten? Kannst du dich noch erinnern? Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, denn das war der Tag, an dem du in mein Leben getreten bist. Es war der 1. Tag von inzwischen mehr als 11680 Tagen.

Weißt du noch, wie wir in den großen Schulpausen immer Räuber und Gendarm gespielt haben? Wie wir die 5-Minuten-Pausen dafür genutzt haben, uns im Schulflur zu treffen, um ja kein bisschen gemeinsame Zeit zu vergeuden? Weißt du noch, wie ich mich auf Klassenfahrt heimlich in dein Bett geschlichen habe, weil du mir in diesem riesigen Gebäude einfach zu weit weg warst? Und weißt du noch, wie wir dann von unseren Lehrern erwischt wurden, die uns erstmal eine Moralpredigt gehalten haben, bevor sie unsere Eltern darüber in Kenntnis setzen wollten? Erinnerst du dich daran, wie wir uns im Watt so lange gejagt und mit Schlick beworfen haben, bis wir so dreckig waren, dass wir im Hof erstmal abgespritzt werden mussten, bevor wir die Jugendherberge betreten durften? Weißt du noch, wie wir uns jedes Jahr zum Schützenfest bei den Autoscootern getroffen und dort den gesamten Abend nicht mehr wegbewegt haben, weil wir so in unsere Gespräche und Träumereien vertieft waren? Weißt du noch, wie wir im Regen getanzt und uns in den See geworfen haben? Wie wir uns gegenseitig das Herz ausgeschüttet und den Rücken gestärkt haben? Weißt du noch, wie wir uns geschworen haben, niemals den Spaß am Leben zu verlieren, immer verrückt und albern zu bleiben und nicht so abzustumpfen wie die Erwachsenen? Weißt du das noch?

Was ist nur passiert, alter Freund? Wir sind erwachsen geworden, würdest du nun sagen und natürlich hättest du damit recht – wie fast immer. Aber soll ich dir jetzt mal was sagen? Dieses Erwachsen sein ist oftmals verdammt scheiße! Wieso haben wir uns angepasst und in den Strudel aus Funktionieren, Perfektionsgedanken und Versagensängsten hineinziehen lassen? Wieso haben wir es nicht gemacht, wie wir es uns einst vorgenommen hatten? Ich weiß, dass es nicht nur mir so geht. Auch du fragst dich all diese Dinge oft, würdest gerne etwas ändern, aber weißt nicht wie.

Mein lieber alter Freund, der Tag, an dem wir nicht mehr können, wird kommen und wir beide wissen, dass er manchmal ganz überraschend und so unerbittlich zu uns kommt, dass uns nur noch kurze Augenblicke bleiben. Man sagt, in diesen Momenten zieht das gesamte Leben an einem vorbei, keine Ahnung, ob das stimmt. Doch falls ja, alter Freund, möchte ich nicht sehen, wie ich geackert und funktioniert habe, wie ich immer brav Ja gesagt und mich selbst in Ketten gelegt habe. Ich möchte Bilder vor meinem inneren Augen sehen, auf denen ich lache, herumalbere, mit knallroten Gummistiefeln durch Pfützen springe, Schneeengel mache, im Sommer Wasserbomben werfe und Cocktails schlürfend in den Sonnenuntergang schaue. Ich möchte sehen, wie ich springe, falle, aufstehe, lebe. Glücklich bin. Du nicht auch, alter Freund?

Wir haben beide bereits mehrfach auf die harte Tour lernen müssen, dass man Glück nicht kaufen kann und das wir nicht ewig Zeit haben. Ja, wir haben lernen müssen, dass das Leben seine eigenen Regeln hat und schneller vorbei sein kann, als man denkt. Also worauf warten wir denn bitte noch? Wann brechen wir endlich aus und tanzen wieder im Regen? Wann sind wir wieder albern und leben den Moment? Wann sind wir wieder wild, wilder, am wildesten? Wann sind wir wieder wir und mit den kleinen Dingen zufrieden? Wann sind wir wieder mutig und gehen Risiken ein? Wann fangen wir endlich wieder an, für uns und nicht für die Gesellschaft zu leben? Noch haben wir Zeit etwas zu ändern, alter Freund. Noch ist es nicht zu spät.

7 Gedanken

  • Steffi März 9, 2018 at 19:24

    Hach, Süße, was für Worte… Mir fehlen sie gerade.
    Fühl dich gedrückt!

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  • Aer1th März 11, 2018 at 15:06

    Einfach nur wunderschön. <3

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  • Nanni März 13, 2018 at 21:15

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  • Pink Anemone März 17, 2018 at 22:08

    Ich bin selten um Worte verlegen, aber hier musste ich schlucken, nachdenken, in Erinnerungen schwelgen und zustimmend nickend. Tolle Worte für sowas Großes, was man nur selten in Worte fassen kann – die Freiheit manchmal Kind zu sein.
    Liebe Grüße aus Wien
    Conny

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    • MadameLustig Mai 14, 2018 at 09:42

      Oh mein Gott, liebe Conny, dein Kommentar ist irgendwie total untergegangen. Es tut mir so leid! 🙁
      Ich bin dir sehr sehr dankbar für dein liebes Feedback und freue mich sehr, dass ich auch an deinen Erinnerungen gekitzelt habe.
      Fühl dich gedrückt. <3

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