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Klippen springen von Claire Zorn

Wer versucht anhand von Klappentext und Buchcover auf den Inhalt von Klippen springen zu schließen, wird wahrscheinlich eine Liebesgeschichte erwarten, bei der die beiden zentralen Charaktere erst noch ein paar Hürden meistern und Probleme aus dem Weg räumen müssen, bevor sie miteinander glücklich werden können. So etwas in der Art erwartete ich mir jedenfalls, als ich zu dem Buch griff, doch wie sich sehr bald schon herausstellte, lag ich damit so daneben, wie man nur liegen kann.

Erschienen: Juli 2016 bei Thienemann Verlag | Originaltitel: The Protected | Erhältlich als: Broschiert/Ebook | Seiten: 256
Übersetzung: Inge Wehrmann | Website der Autorin Claire Zorn | Bewertung: 4 von 5 Fläschchen

Aber worum geht es überhaupt?
Zwei Schwestern, zwei verschiedene Welten. Die eine beliebt, die andere gemobbt.
Als Hannah auf die Highschool kommt stellt ihre ältere Schwester Katie sofort klar, dass sie mit ihr nichts zu tun haben will, um ihren Status unter den beliebten Mitschülern nicht zu verlieren. Dabei hätte Hannah die Hilfe ihrer älteren Schwester bitter nötig gehabt, denn vom ersten Tag an wird sie gemobbt und die Attacken gegen sie werden immer fieser und böswilliger. Als die Mädchen eines morgens zu spät dran sind für ihren Schulbus, erklärt sich ihr Vater bereit, sie zur Schule zu fahren und in Hektik und unter Zeitdruck passiert schließlich das Grausame: sie bauen Unfall, bei dem nicht jeder der Insassen mit dem Leben davon kommt …

Sind Therapeuten nicht einfach Leute, die du dafür bezahlst,
dass sie sich deine Probleme anhören?
Gemietete Freunde sozusagen? (S. 13)

In Hannah lernt der Leser …
eine sehr sympathische aber auch zurückhaltende, hilflose und naive Protagonistinkennen. Wegen ihrer unbeholfenen Ahnungslosigkeit distanzierte sich nicht nur ihre große Schwester von ihr, sie wurde wegen ihr auch das Mobbingopfer Nummer 1 an der Schule. Zwar versucht sie anfangs, sich zu ändern und gibt sich Mühe, dass andere sie mögen, doch schon bald ergibt sie sich ihrem Schicksal und das hat mir sehr gefallen. Ja, richtig gelesen. Ich finde es toll, dass Frau Zorn aus Hannah keine Protagonistin gemacht hat, die sich um anderer Willen um 180 Grad dreht und zu jemanden wird, der sie eigentlich gar nicht ist und sein will. Dadurch zeigt die Autorin im Laufe der Handlung auf, dass jeder richtig ist, so wie er ist, dass jeder Mensch liebenswürdig ist, man immer über den Tellerrand schauen und allen Menschen eine Chance geben sollte. Vor allem Josh ist es, der diesen Faden in der Geschichte spinnt, mit seiner rebellischen Art und dem losen Mundwerk die gedrückte Stimmung auflockert und Licht ins Dunkle bringt.

Wir Menschen sind fleischfressende Raubtiere.
Die Schwächsten werden markiert, und wenn das Futter knapp ist, sind sie die Ersten,
die von ihren Kameraden gefressen werden. (S. 43)

Wer Leichtigkeit und süße Romantik sucht, ist hier definitiv an der falschen Adresse, denn dafür ist in diesem Buch nicht einmal eine einzige Zeile Platz. Stattdessen findet der Leser in Klippen springen eine Lektüre, durch deren Seiten sich Mobbing, Trauerbewältigung, Depressionen und schließlich auch Freundschaft ziehen. Ihr könnt euch vorstellen, wie verwirrt ich war, als ich das realisierte, hatte ich mir doch eigentlich eine Liebesgeschichte erwartete. Aber – und dieses Aber ist ganz groß – ich habe sehr großen Gefallen an dieser Geschichte gefunden und das, obwohl so durch und durch mit trauriger, depressiver Stimmung durchzogene Bücher eigentlich gar nicht so mein Fall sind. Frau Zorn allerdings hat diese bleierne Stimmung nicht nur toll eingefangen, sondern durch ständige Wechsel zwischen dem Hier und Jetzt und Rückblenden auch immer wieder aufgelockert und mit einem Funken Hoffnung versehen. Diese Mischung ist es gewesen, die mich an die Seiten fesselte und lange Zeit nicht mehr los ließ.

Zusammengefasst heißt das also ..
Wem nach einer Liebesgeschichte ist und deshalb mit dem Gedanken spielt, nach Klippen springen zu greifen, sollte lieber die Finger von dem Buch lassen. Wer jedoch offen für eine feinfühlig und authentisch geschriebene Geschichte über Mobbing und die Trauerbewältigung einer ganzen Familie mit viel Tiefgang, wohl dosiertem Witz an den richtigen Stellen und eine Protagonistin, die in ihrer Rolle absolut überzeugen konnte, dem kann ich dieses Buch ohne Wenn und Aber empfehlen.

 

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