Warum ich mich fortan bemühe, fünf gerade sein zu lassen

Posted on Juni 7, 2017

Als Buchbloggerin nutze ich mein kleines Fleckchen Internet natürlich vorwiegend, um all das loszuwerden, was sich in meinem Kopf zum Thema Bücher ansammelt. Das sind größtenteils Buchbesprechungen, doch auch Interviews sowie frei runter geschriebene Beiträge rund ums Thema Buch haben in den letzten beiden Jahren ihren Platz bei mir gefunden. Dass ich meinen Blog darüberhinaus nur selten dazu nutze, über andere Dinge zu schreiben, liegt nicht daran, dass ich es grundsätzlich ablehne, oder über Bücher hinaus keine Meinung habe, sondern vielmehr daran, dass ich meinem Hobby ungern die Leichtigkeit nehme, mit der es mich bislang erfüllt. Aber manchmal droht der Kopf einfach überzuquellen, weil sich einige Dinge so hartnäckig festsetzen, dass sie mich nicht mehr loslassen und unbedingt niedergeschrieben werden wollen und solchen Dingen möchte ich ihre Daseinsberechtigung nicht nehmen. Auch nicht auf meinem Blog.

Ich bin ein Mensch, der trotz seiner über 30 Jahre gerne wie ein kleines Kind lachend und quietschend die Straßen entlang flitzt, am liebsten zu lauter Musik durch die Wohnung tanzt, verträumt aus dem Fenster guckt und Erinnerungen nur schwer loslassen kann. Ich bin ein Mensch, der sensibel ist und auch mal leidenschaftlich streitet. Ein Mensch, dessen Emotionen ihn manchmal so überwältigen, dass die Tränen wie Sturzbäche fließen. Und ich bin ein Mensch, der Harmonie wie die Luft zum Atmen braucht. Und als dieser Mensch hasse ich das Gefühl, das sich in letzter Zeit in mir breit macht. Das Gefühl, als würde an jeder Ecke kritisiert und über alles und jeden geschimpft werden, als wäre das ein Sport. Das Gefühl, als wären die Menschen unglücklich, wenn sie sich nicht über irgendetwas aufregen könnten. Und das ist so. verdammt. traurig. Natürlich sollte man nicht mit Scheuklappen durch die Weltgeschichte marschieren und alles einfach stumm hinnehmen, das ist richtig, aber man muss auch mal fünf gerade sein lassen können. Doch genau das scheinen wir verlernt zu haben. Oder?

Man sollte meinen, dass wir nach den vielen Jahren Hass, Zerstörung und Krieg dazugelernt hätten und aufhören würden, uns gegenseitig das Leben schwer zu machen. Stattdessen lästern wir aber weiter fröhlich über den Kleidungs- oder Ernährungsstil anderer, über ihre Art zu bloggen, über ihren Lesegeschmack. Wir schimpfen über Buchcover, darüber, dass Herr Müller von gegenüber wieder einmal viel zu viel Parkplatz für sich beansprucht und dass Frau Schneider eine gefühlte Ewigkeit braucht, um ihre Bestellung beim Bäcker aufzugeben. Wir sehen von oben auf andere herab, weil wir denken, dass wir gebildeter, ja, vielleicht sogar die besseren Menschen sind und unsere Meinung die einzig wahre ist. Anstatt einfach mal gelassen zu sein und die Menschen ihr Leben so leben zu lassen, wie sie es wollen, verschwenden wir unsere Energie darauf, das Haar in der Suppe zu suchen.

Dabei wollen wir doch alle eine bessere Welt. Wollen uns frei fühlen und so sein dürfen, wie wir sind. Im selben Atemzug ziehen wir uns aber selbst die Zwangsjacken an und wedeln fröhlich mit dem erhobenen Zeigefinger vor anderen herum. Wir ermahnen sie wegen ihrer Wortwahl und beißen uns selbst auf die Zunge, um nicht vielleicht die falschen Fragen zu stellen. Dabei lehren wir unseren Kindern doch aber, dass es keine falschen und doofen Fragen gibt! Wieso sollte das nicht auch für uns Erwachsene gelten? Wieso sollte ich mein Gegenüber nicht fragen dürfen, wo er her kommt? Wieso sollte ich nicht neugierig sein und den Wunsch haben dürfen, bei einem netten Gespräch mehr über ihn in Erfahrung zu bringen?

Meiner Meinung nach sind nicht die Fragen das Problem, wir sind es. Unsere Haltung, unserer Ton. Die Wenigsten werden sich in irgendeiner Weise angegriffen fühlen, nur, weil sein Gegenüber offen, freundlich und interessiert Fragen stellt. Man wird nicht automatisch für einen Rassisten gehalten, weil man neugierig ist, aus welcher Ecke dieser Welt jemand kommt. Man wird nicht zum Homophob, weil man offen ausspricht, was man denkt und dabei nicht erstmal die gewählten Worte auf die Goldwaage legt. Ebenso wenig tritt man den Feminismus mit Füßen, nur weil man nicht an jeder zweiten Straßenecke Frauenfeindlichkeit oder eine Benachteiligung für das weibliche Geschlecht sieht. Leser sind nicht dumm und weltfremd, weil sie für sich vielleicht nicht das Vorzeigegenre bevorzugen. Und Herr Müller hat das recht nicht vernünftig einparken zu können, ohne dafür blöd angepflaumt zu werden, genauso wie Frau Schneider sich beim Bäcker Zeit lassen darf, die ganzen Köstlichkeiten für sich zu entdecken.

Ja, Kritik ist gut und wichtig und man sollte auch weiterhin den Mund aufmachen und sich gegen Ungerechtigkeiten erheben, aber anstatt uns zukünftig gegenseitig in Watte zu packen und wie rohe Eier zu behandeln, sollten wir den Dingen vielleicht selbst ein wenig den Wind aus den Segeln nehmen. Diskriminierung – egal auf welche Art – keine Chance zu geben bedeutet nämlich auch, nicht immer in allem nach Diskriminierung zu suchen. Es bedeutet auch, dass wir uns erlauben, uns frei und offen und ehrlich zu geben und unsere Worte ebenso zu wählen. Es bedeutet, ohne bitteren Beigeschmack neugierig sein zu dürfen.

Wer jetzt denkt Was weiß die schon über Diskriminierung, dem sei gesagt, dass ich so einiges darüber weiß. Weil ich es am eigenen Leib erfahren habe. Als Deutsche, die im Ausland aufgewachsen ist, hatte ich es auch nicht unbedingt leicht und musste lange dafür kämpfen, dass man mich nicht nach meiner Herkunft beurteilt, sondern nach dem, wer ich bin. Ich musste dafür kämpfen, nicht als Fußabtreter behandelt zu werden, nur weil meine Eltern nicht reich waren und ich mir somit nicht all das leisten konnte, was für meine Mitschüler Standard war. Ich weiß, wie verletzend Worte sein können. Ich weiß aber auch, wie viel Körperhaltung und Tonlagen ausmachen. Und ich weiß, dass auch ich einen Mund habe, mit dem ich sagen kann, wenn mich etwas verletzt und dass in den meisten Fällen darauf in Zukunft Rücksicht genommen wird.

Ich wünsche mir eine bessere Welt. Eine Welt, in der ich keine Angst haben muss, die Nachrichten einzuschalten. Eine Welt, in der wir uns gegenseitig respektieren und achten. Eine Welt, in der wir unsere Zeit so nutzen dürfen, wie wir es wollen. Eine Welt, in der wir frei sprechen dürfen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir das Positive hervorheben und mit Dingen, die uns nerven, gelassener umgehen. Eine Welt, in der wir gegen Ungerechtigkeiten vorgehen und uns für die Schwachen stark machen, aber gleichzeitig auch mal die Menschen einfach mal machen lassen – wir müssen es ihnen ja nicht gleichtun, wenn uns ihr Weg nicht passt. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir frei sind, unser Leben selbst zu gestalten und in der wir einfach Mensch sein dürfen. Mit allen Höhen und Tiefen, mit den tollen und weniger tollen Seiten. Für diese Welt muss ich auch mal fünf gerade sein lassen und ich weiß, dass mir das manches Mal schwer fallen wird, aber ich werde es dennoch jeden Tag aufs Neue versuchen.


….

11 Gedanken

  • Steffi Juni 7, 2017 at 10:34

    Hey,

    und danke! Du sprichst mir aus der Seele!
    Mehr kann und will ich gerade nicht dazu schreiben… Also danke!

    Ganz lieben Gruß
    Steffi
    http://www.angeltearz-liest.de

    Antworten
  • Nelly Juni 7, 2017 at 14:30

    Liebes, ich kann Steffi nur zustimmen. Du hast alles gesagt, jedes weitere Wort wäre einfach zuviel.
    Dein Text klingt dermaßen nach, dass er nicht mehr braucht.
    Vielen Dank für Deinen Mut und Deine Ehrlichkeit

    Fühl Dich gedrückt

    Antworten
  • The Resa Juni 7, 2017 at 20:16

    Eine positive Welt, wünschen wir uns alle, aber leider wird dieser Wunsch, so lange unsere Welt von Egoismus, Macht, Geld und Krieg geprägt ist, nie wahr werden. Das ist so schade, denn immerhin macht uns die Menschlichkeit zu dem was wir sind und wenn sie dann jeden Tag ein Stück weiter verloren geht, was soll aus der Welt noch werden?

    Ich kann deine Meinung sehr gut nachvollziehen. Dein Beitrag ist wirklich sehr inspirierend.

    Liebe Grüße
    Theresa

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  • Bücher in meiner Hand Juni 8, 2017 at 09:36

    Danke für deine Worte!

    Antworten
  • Julia Juni 10, 2017 at 19:48

    Vielen Dank für diesen tollen und ehrlichen Beitrag! Ich sage zu gewissen Themen gar nicht mehr, aus Angst homophob oder rasisstisch zu wirken. Ich bin das nun wirklich nicht, aber ich habe mal aus Versehen in einem Gespräch mit jemandem das falsche Pronomen verwendet und wurde sofort von allen Seiten dumm angemotzt. 🙁
    Deshalb bin ich froh nichtdie Einzige zu sein, die so über das Thema denkt. Deshalb tausen Dank <3
    Liebe Grüsse
    Julia

    Antworten
  • Miri Juni 20, 2017 at 13:51

    <3
    Ganz toller Beitrag! Vielen Dank dafür. 🙂

    Antworten
  • Ellen Juni 23, 2017 at 13:25

    Hi 🙂

    Ich habe mir nun schon so lange vorgenommen, diesen Beitrag zu kommentieren und endlich habe ich Gelegenheit dazu.

    Ich finde, du hast diesen Post wunderschön geschrieben. Ohne Witz, dieser Beitrag könnte genau so in einer Zeitschrift abgedruckt werden. Klasse! Würde diese Überschrift dann auf dem Cover der Zeitschrift stehen, ich würde sie kaufen und so wie ich jetzt nickend vor dem Bildschirm saß, würde ich nickend vor der Zeitschrift sitzen.
    Ganz viel, was mir selbst schon durch den Kopf gegangen ist, hast du auch angesprochen.
    Zum Beispiel: “Diskriminierung – egal auf welche Art – keine Chance zu geben bedeutet nämlich auch, nicht immer in allem nach Diskriminierung zu suchen.” AMEN! Ich habe das Gefühl, dass in jedem kleinen Bisschen seit einiger Zeit Diskriminierung gesucht wird, egal gegen wen. Irgendwer wird schließlich immer diskriminiert.

    Außerdem nervt es mich extrem, dass andauernd gegen Autoren geschossen wird, nur weil mal eine Formulierung nicht in die Ansichten des Lesers passt. Das wäre ja Bodyshaming, jeder ist schön. Das stimmt ja auch. Jeder Mensch ist schön und etwas Besonderes. Aber muss ich mich wegen einer Formulierung so aufregen?
    Aber warte, wenn ich ein Kompliment bekomme wie ‘Du bist etwas Besonderes, du bist nicht wie die anderen Frauen.’, dann ist das ja auch verkehrt. Ich bin nämlich keine besondere Schneeflocke, nein, ich bin eine ganz normale Frau und wenn ich in diesen Worten ein Kompliment sehe, dann habe ich ein ernstes Problem und trete den Feminismus mit Füßen.

    Ich weiß mittlerweile nicht mehr, was ich noch sagen, schreiben und twittern darf, ohne dass ich auf den digitalen Dorfplatz gezogen werde, damit man dort Tomaten auf mich werfen kann.

    Ich lasse schon lange alle Fünfe gerade sein und ich wünsche mir, dass andere Leute das auch lernen. Es erleichtert nämlich das Leben ungemein. Es bedeutet nicht, dass man nichts mehr hinterfragen soll und sich nicht stark machen soll. Es bedeutet nur, dass man nicht auf jeden Zug aufspringen muss, sich nicht über alles beschweren muss und Dinge, die einen belasten auch mal wegklicken kann.

    Liebste Grüße
    Ellen

    Antworten
    • MadameLustig Juli 10, 2017 at 09:24

      Liebste Ellen,
      ich weiß gar nicht, was ich zu deinem Kommentar sagen soll, außer: Danke für diese wundervollen Worte! <3

      Ich habe schon sehr lange das Gefühl, dass man in den Augen der Gesellschaft anscheinend nichts mehr richtig machen kann und dass eigene Meinungen nur solange akzeptiert werden, wie sie der Meinung der anderen entsprechen. Ganz schlimm finde ich auch, dass es irgendwie in Mode zu sein scheint, über alles eine Meinung haben zu müssen, ganz egal, ob ich von dem Thema eine Ahnung habe oder nicht.

      Ich bin ganz sicher nicht unbehütet aufgewachsen, aber ich musste in meiner Jugend auch viel kämpfen. Ich habe Erfahrungen gemacht, die nicht alle gemacht haben, aber doch recht viele. Und Erfahrungen machen einen Großteil unserer Ansichten aus. So zum Beispiel haben die 14 jährigen Jungs zu meiner Zeit noch heimlich in den Mädchenduschen spioniert oder schnell im Vorbeigehen einen BH geöffnet. Natürlich haben wir gekreischt, geschimpft, geflucht und manche Ohrfeige wurde auch verteilt, aber niemandem von uns wäre damals auf die Idee gekommen, den Jungs schlechtes Benehmen, Respektlosigkeit oder eine Abwertung der Frau zu unterstellen. Für uns waren es einfach pubertäre Jungs, die neugierig waren. Lästig, aber nicht schlimm.

      Aber ich glaube, diese Themen sind ein Fass ohne Boden. Wobei ich eine richtige Diskussionsrunde dazu wirklich toll finden würde.

      Fühl dich ganz lieb gedrückt,
      Maike

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  • Sonntagsleserin 06_2017 – Rückblick auf den Juni | Studierenichtdeinleben Juli 2, 2017 at 15:18

    […] meinen Alltag und lässt das Lächeln auf meine Lippen zurückkehren. Deshalb fühlte ich mich von Maikes Beitrag auf Kunterbunte Flaschenpost […]

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  • [Sonntagsleserin] Juli 2017 August 6, 2017 at 09:01

    […] dem immer mal wieder in meinem Browser geöffnet wird. Madame Lustig schreibt auf ihrem Blog in „Warum ich mich fortan bemühe, fünf gerade sein zu lassen“ über die heutige Gesellschaft, die von Hass, Unzufriedenheit und Diskriminierung geprägt […]

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